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Im Frankreich des 18. Jahrhunderts galt es als ausgesucht vornehm, wenn alles Bildwerk in einem Jagdschloss auf die Jagd, in einem Falkenhaus auf den Falken deutete(1). Schloss Falkenlust(2), errichtet von 1729 an als Refugium des Kölner Kurfürsten Clemens August aus dem Hause Wittelsbach, eines leidenschaftlichen Falkenjägers, muss nach französischem Maßstab als Musterbeispiel an Vornehmheit gegolten haben.

Einer der originellsten Räume, dessen Bildwelt die Funktion des Schlosses spiegelt, ist das Treppenhaus.

Die einläufige Eichenholztreppe, von einem Ziergitter aus Schmiedeeisen begleitet, führt durch einen annähernd zehn Meter hohen, im Grundriss rechteckigen Raum, der vom Boden bis zur Decke mit ca. (3) Unter Treppenlauf und Podest ist die Fliesendekoration auf den Fond gemalt (1970 durch die Restaurierungswerkstatt II des Rheinischen Amtes für Denkmalpflege aufgedeckt und restauriert). Die Decke zeigt eine Stuckrahmung von Castelli und Carlo Pietro Morsegno auf blauem Grund.

Den Plafondspiegel schmückt eine Treillagenmalerei mit Falkenjagdszenen in Blautönen von Stephan Laurenz de la Roque, dessen Gehilfen die gemalte Fliesendekoration unter Podest und Treppenlauf auszuführen hatten. Vorbild dürfte das winzige Stiegenhaus der Pagodenburg im Park von Schloss Nymphenburg (4) gewesen sein, die Joseph Effner 1716/19 für den bayerischen Kurfürsten Max Emanuel, den Vater Clemens Augusts, errichtete. Das Farbraffinement durch die Bekleidung der Räume mit Fliesen hat also verschiedene einander durchdringende Bedeutungsschichten.

Grundmotiv der Wandgliederung im Falkenluster Treppenhaus ist ein rhombenförmiges Netz aus Fliesen mit den Rauten des wittelsbachschen Hauswappens.

Dieses Netz schließt zwei Gruppen von Bildfliesen ein; vertikal wie horizontal wiederholen sie sich motivgleich, in der Diagonale wechseln sie sich jedoch ab. Die Motivgruppe in Form der Querraute setzt sich aus folgenden Einzelmotiven zusammen, angeordnet in fünf von unten nach oben zu lesenden Reihen, beginnend jeweils links:

Zwei sitzende Damen mit Fächern in den Händen als Zuschauerinnen bei der Falkenjagd, nach rechts gewendet. Reiherhorst mit Jungvögeln, denen sich der Reiher (21) im Fluge nähert und dem sie die aufgerissenen Schnäbel entgegenstrecken.

Die Vogel-Motive der zweiten Bildgruppe wirken eher wie zufällig zusammengestellt - dekorativ arrangiert. Carla H. de Jonge wies in ihren Arbeiten über den Fliesenschmuck der Brühler Schlösser Augustusburg und Falkenlust auf eine Anzahl von Durchstaubschablonen (5) (sog. (6) Da es zu jener Zeit in Rotterdam aber noch andere „tegelbakkers" gab,(7) ist diese Zuschreibung gewagt; einzuräumen ist, dass die Manufaktur des Jan Aalmis sen. (8) Es hätte der Bau- und Künstlerpolitik Clemens Augusts widersprochen, einen Auftrag von solchem Umfang und Reputationsgehalt wie die Herstellung von Fliesen für Falkenlust nicht an eine führende Manufaktur zu vergeben.

Unberücksichtigt im Entstehungsprozess der Fliesen blieben bislang die gemalten Motivvorlagen, ebenfalls im „Gemeentearchief“ von Rotterdam, nach denen die Durchstaubschablonen gefertigt wurden. (10) Die Falkenluster Baurechnungen für 1731 vermelden: „Denen Erben deß Johann Baptist Dulman in Cöln für fracht von 26 Kisten voll porcellaine plattgen so auß Hollant kommen seynt lauth bey-lag zahlt 78 (Reichstaler) 581/2 (Stüber)". In Rotterdamer Fliesenwerkstätten waren in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts Verpackungseinheiten von 250 bzw. 500 Stück üblich. Nach Falkenlust dürften die Fliesen jedoch in beiden Verpackungseinheiten geliefert worden sein, insgesamt jedenfalls wenigstens um die 10.000 Stück. 1736 verzeichnen die Baurechnungen eine Zahlung für eine weitere Fliesenlieferung nach Falkenlust; diesmal erhielten „Dülmans Erben in Cöllen" Frachtkosten für „5 Kisten porcelaine plättgen auß Hollande". (14) Zusätzlich weisen die Ausgaben für Falkenlust von 1732 für ihn auch die stattliche Summe von 40 Reichstalern 55 Stübern 8 Hellern „wegen Reiß Kosten"(15) aus.

Für die Stuckteile der Decke wurden den „Hof Stuckadors" Castelli und Carlo Pietro Morsegno 1732 wie vereinbart 250 Reichstaler gezahlt. (19)„Ahn der kleinen plafond" - unter Treppenpodest und Treppenlauf - arbeiteten schließlich ein Geselle und ein Handlanger des Malers Stephan Laurenz (Laurent) de la Rocque von Ende März bis Ende Mai 1734 (20) In dieser Zeit entstand die gemalte Fliesendekoration, die durch die Restaurierungswerkstatt II des Rheinischen Amtes für Denkmalpflege wieder freigelegt und ergänzt wurde. (21) 1737 empfingen einige Tagelöhner ihren Lohn, die im Treppenhaus noch Fliesen anzubringen hatten. Der sorgfältig mit kleinsten Details gezeichnete und lavierte Entwurf,(23) nach graphologischen und stilistischen Kriterien Stephan Laurenz de la Rocque zuzuschreiben, zeigt außer dem Deckenkehlenstuck den Plafondspiegel in einem früheren Planungszustand: Hier bereits erscheint das Dekorationssystem mit dem Netz aus Rautenfliesen und den eingeschlossenen Bildmotiven zu jeweils 18 Fliesen in quer- und hochformatigen Rhombenfeldern. Als dieser Entwurf entstand, muss also das Grundkonzept für die Fliesendekoration auch der Wände entwickelt gewesen sein. Ferner war sich der Zeichner schon im klaren über die Motive einzelner Vorlagen für die Fliesenmaler.

Das „Gemeentearchief" Rotterdam bewahrt zwei aquarellierte Landschaftsveduten, in die 22 der Vorlagen für die Falkenluster Fliesen als Ausschneidearbeiten aufgeklebt wurden - mit gestalterischem Geschick neu arrangiert. Blatt 339326 vereinigt in der Erdzone die sitzenden und die wandelnden Damen (7,12), ferner den galoppierenden Falkner (6) mit dem Reiher im Schilf (28).

Den weiten Horizont begrenzen auf beiden Blättern Häuser, jeweils eine Kirche und Windmühlen.

Den hohen Himmel beleben Rot, Blau und auf Blatt 3393 (26)auch Grün in zartester Nuancierung.

Die Aquarellergänzungen sind mit lockerem Pinsel ausgeführt; sie erinnern an die oft naive Art niederländischer Fliesenmalerei für den bürgerlichen Geschmack. Nachdem der Auftrag für Falkenlust ausgeführt war, hatten die Vorlagen ihren Zweck erfüllt.

Ein Fliesenmaler erkannte die Qualität in Erfindung und Komposition, schnitt die Motive aus und setzte sie neu zusammen; - dann malte er oder ein anderer die Landschaft um die Figuren herum. Sie wurden im Februar 1960 aus den Beständen des Museums Boymans - van Beuningen, Rotterdam, dem Archiv dieser Stadt übergeben. Die aufgeklebten Vorlagen sind auf dickem Zeichenpapier mit wasserlöslichen Farben gemalt und mit der Feder akzentuiert.

Figuren, Tiere und Pflanzenwerk sind in Braunschwarz malerisch bis in feinste Einzelheiten ausgeführt, wobei die Konturen und Schattentiefen scharf in Schwarz betont und die Höhungen in bräunlichem Violett gegeben sind.

Helldunkelwerte waren die wichtigsten Vorgaben, die die Fliesenmaler vom entwerfenden Künstler brauchten, um die Motive mit dem Pinsel in Blauwerte auf die Zinnglasur zu übertragen. Doch legte sie der Fliesenmaler noch nicht beiseite, sondern stellte sie vor sich auf, um präzise die Binnenmodellierung etwa einer Figur übertragen zu können.

Fliesenmalerei nach eigens für Bildfliesen gemalten Vorlagen, dazu noch in solch großer Zahl, wie sie aus Kurköln geliefert wurden, war etwas Besonderes. Sie zählen zu den wenigen Vorlagen ihrer Art, die überhaupt noch existieren und sich einem Auftrag zuordnen lassen.

Zweifellos lautete der Auftrag, die motivischen Vorgaben so genau wie möglich auf die Fliesen zu übertragen. Dies wurde im wesentlichen beachtet, wenn auch unterschiedliche Hände mit schwankender Kunstfertigkeit den Pinsel führten. Die braun-violetten Höhungen der Vorlagen sind auf den Fliesen weiß; dagegen steht Blau kontrastvoll in oft nuancenreichen Schattierungen. Das kleinere Format der Fliese zwang zur Vereinfachung, aber ihr haftet nichts Flüchtiges und Nachlässiges an.

Selten ist zu beobachten, dass die Bodenpartien der Fliesen mit den Reitern und Figuren sowie mit dem Reiher am Schilf passgenau aneinander liegen. Dies unterblieb; jedes Motiv wurde als in sich abgeschlossen ausgeführt - ohne den Blick auf die Nachbarfliese, auf der sich das Bodenpanorama fortsetzt. Auch der beste Fliesenleger konnte nicht mehr allzu viel an den Verschiebungen korrigieren. Auch die Initialen CA auf den Hauben der Falken gelangen nicht immer so, dass sie deutlich zu lesen sind. Der entwerfende Künstler der Fliesenmotive dürfte unter den führenden Meistern ihres Faches zu suchen sein, die Clemens August für den Bau von Schloss Falkenlust zur Verfügung standen. Es liegt nahe, auch die Fliesenvorlagen Stephan Laurenz de la Rocque (31) zuzuschreiben, der in den Baurechnungen als Schöpfer des Deckengemäldes im Treppenhaus überliefert ist und dessen Gehilfen die gemalte Fliesendekoration unter Treppenpodest und Treppenlauf schufen.

Nach Ausweis der Baurechnungen war de la Rocque um 1730 die leitende Kraft unter den Malern, dem eine Reihe von Gehilfen unterstand. Auch in der Bonner Residenz arbeiteten Malergesellen und Handlanger „unter dem Laroque",(32) und für Verpflichtungen in Schloss Augustusburg zu Brühl erhielt er 1728 für die Zeit vom 1. Juli bis 31. Oktober „vermög Churfürstlichen gnädigsten Befehl" Kostgeld von täglich 30 Stübern, obwohl er in dieser Zeit gar nicht in Brühl anwesend war. Dieser beschäftigte ebenfalls Gehilfen, die für ihn in Falkenlust tätig waren und nach seinen Modellen zu arbeiten hatten.

Leider wurde das Falkenluster Deckengemälde im 19. Jahrhundert grob übermalt, sodass de la Rocques Handschrift verfälscht überkommen ist. Dennoch finden sich vergleichbare Elemente in den Fliesenvorlagen und im Deckenbild, die auf einen gemeinsamen Urheber hindeuten. Um stilistische Einzelheiten besser vergleichen zu können, ist ein Blick auf das gut erhaltene Deckengemälde „Aurora und Diana" im oberen Vestibül hilfreich; dieses Bild, wohl 1733 entstanden, ist mittelbar für de la Rocque in Anspruch zu nehmen; überliefert ist die Mitarbeit seines Gesellen Johann Adolf Biarelle (35) und eines Handlangers.

Die ausgestreckte Linke Auroras mit dem hochgestellten Daumen findet sich ebenfalls in den Vorlagen und im Deckengemälde des Treppenhauses wieder. Die Handschrift des Zeichners und Malers Renier Roidkin (39) verraten drei unpublizierte Tuschpinselzeichnungen - Ansichten von Falkenlust -, die neben den Gebäuden Szenen der Falkenbeize im freien Gelände um das Lustschlösschen zeigen. (40) Eines der Blätter trägt ein zweistrophiges Sonett „Sur un Heron glorieux de porter les Armes de deux Princes Augustes" (Auf einen glorreichen Reiher, der Ringe mit den Wappen zweier erhabener Fürsten trägt); es spielt auf Jagdereignisse von 1729 und 1730 an. (41) Das Blatt kann frühestens um 1732 entstanden sein, denn es zeigt die Falkenluster Kapelle, deren Dachstuhl und Knauf zum Aufsatzkreuz 1733 bezahlt wurden.

Auf Roidkins Bonner Zeichnung des Schlosses Falkenlust mit dem Siebengebirge im Hintergrund ist er ebenfalls übernommen, zusammen mit einer Variante des Reiters 4. Der Zeichner machte sich die Motive wohl weniger zu eigen, um dem Kurfürsten zu schmeicheln, sondern weil er ihre künstlerische Reife erkannte.

Die Blätter sind somit Zeugnisse für früheste Rezeption von Motiven der Falkenluster Bildfliesen. Wie deponierte Fliesenfragmente und Einzelfliesen aus dem Treppenhaus zeigen, tragen ihre Rückseiten Buchstaben und Zahlen. Aber trotz dieses „Korrekturtyps" gelang es selten, das Rautenmuster in der Viererkombination ohne Verschiebungen im Musterbild anzusetzen.

Im unteren Salon erscheint das ungleich sorgfältiger gemalte Rautenmuster ohne Versprünge.

Jede der beiden Motivgruppen ist entgegen allen bekannten Nummerierungen nicht von unten links nach rechts oben, sondern umgekehrt durchgezählt: die Falkenjagdgruppen C1-C18, die Falken-Reiher-Gruppen mit D1-D18. (43) Hier ist der Motivzusammenhang mit Z gekennzeichnet, und die Reihenfolge, wie die sechs Fliesen anzusetzen sind, um ein Bild zu erhalten, ist durch Ziffern markiert; die beiden niedrigsten, mit denen der Fliesenleger beginnen musste, stehen unten.

Die Fliesen waren darauf berechnet, im dekorativen Zusammenhang an den Treppenhauswänden zu wirken. Materialfehler fallen nur dem ins Auge, der eingehend die Einzelheiten betrachtet.

8 mm gewalzten Ton wurde eine Holzschablone gelegt, und an deren Kanten vorbei die rohe Fliese mit einem Messer geschnitten.

Dies bedeutete, dass die Fliesen beim Rohbrand in der Mitte minimal feuchter waren als in den Randbereichen.

Dies war die Ursache für die an vielen Fliesen im Streiflicht zu erkennende Wölbung in der Mitte. Begann die Glasurschicht im abschließenden Brand zu schmelzen, hatte sie am Anfang die Tendenz, sich oberflächlich zusammenzuziehen.

Dadurch konnten sich Hohlräume öffnen oder wenn die Glasur schon zähflüssig war, wurde sie gasundurchlässig, die Luftblase dehnte sich bei Erwärmung aus, platzte auf und ergab ein Loch in der Glasurschicht. Es konnten auch bei schnellem und ungleichen Aufheizen des Brennofens gasförmige Bestandteile an bestimmten Stellen verstärkt aus dem Scherben austreten, die lokal die zähflüssige Schmelze durchdrangen und dadurch Löcher in der Glasurschicht hervorriefen.

Dies sind Verunreinigungen der Glasurschicht mit Farbe durch den Fliesenmaler, mitunter Fingerabdrücke. Mittels regulierter Wasserzugabe konnte er die Intensität des Farbtons der Malfarbe bestimmen.

Je höher die Brenntemperatur war, desto heller kam die Farbe der Bemalung heraus. Da die Brennöfen im 18. Jahrhundert mit Holz gefeuert wurden - zuerst Eichen-, dann Fichten- und/oder Birkenholz -, war die Brenntemperatur im Ofen nicht gleichmäßig.

Ein gleicher Effekt ergab sich auch, wenn die Brenntemperatur beim Glattbrand zu hoch gefahren wurde. Ein rötlicher Schimmer konnte entstehen, wenn die durch Zinnoxyd getrübte Glasur in einer zu dünnen Lage aufgebracht wurde. Zinnoxyd verstärkte die Farbe auch von wenig Eisenoxyd im gelblichen Scherben leicht rötlich bis rotbraun.

Eine andere Art rötlicher Schimmer konnte durch Oxydation der über Zinnglasur und Bemalung liegenden Bleiglasur entstehen.

Dieser Schimmer ist dann allerdings nur wie ein Hauch auf der Oberfläche zu sehen. Ein solcher „Schatten" wurde häufig von den Fliesenmalern bewusst angelegt, um eine bessere räumliche Wirkung der Darstellung zu erzielen.

In seltenen Fällen kam es aber auch beim Brennprozess dazu, dass die Bemalung über die Konturen „ausstrahlte" oder sogar von einer Fliese zur anderen „überstrahlte". Die Initialen CA auf den Hauben der Falken deuten unmissverständlich dem Betrachter an: Diese Fliesen waren keine Marktware, sondern sie mussten eigens für Kurfürst Clemens August angefertigt werden. Lediglich drei Vogelmotive ließen sich auf einem Fliesentableau nach Adriaen van Ostade in den Brüsseler Musees Royaux d'Art et d'Historie wiederentdecken.

(46) Es handelt sich um manganfarbene Fayencefliesen, die der „Porcellainer" Johann Georg Weiß, Fayencemanufakturbesitzer in Crailsheim, für den Mark­grafen Carl Wilhelm Friedrich von Brandenburg-Ansbach verfertigte und 1754 lieferte. Die Fliesenbilder erscheinen volkskunsthaft naiv; aber darin liegt ihr besonderer Charme. Doch mit den Gunzenhausener Fliesen hat es gemein: Es reicht nicht an die Eleganz und die künstlerische Vollendung heran, die die Bildfliesen im Treppenhaus von Jagdschloss Falkenlust auszeichnen.

Herrn Prof. Dr. Wilfried Hansmann und dem Landschaftsverband Rheinland Dank für die Genehmigung zur Veröffentlichung dieses Berichtes.


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